Gottesdienst vom Sonntag, 22. März 2020

Predigt

zum Gottesdienst vom Sonntag, 22. März 2020

von Pater Adrian Willi, Pallottinergemeinschaft Gossau

In der Fastenzeit ist viel die Rede von Umkehr und Busse. Wer ist ein Sünder, wer ist ein Gerechter? Tendenziell sehen wir gerne die Schuld immer bei den andern. Wenn wir aber ehrlich sind, müssen wir uns eingesehen, dass wir nicht besser sind.

Heute hören wir das Evangelium vom Blindgeborenen. Im Alten Testament hat Krankheit und Behinderung immer etwas mit Busse für Sünde und Schuld zu tun. Auch wir denken manchmal noch so, dann nämlich, wenn wir uns fragen: „Womit habe ich das verdient!?“.
Der Blindgeborene konnte aber noch keine Schuld auf sich geladen haben, sonst hätte er ja als Embryo sündigen müssen. Wofür also wird er mit seiner Blindheit bestraft?
Jesus tritt energisch gegen solches Denken, gegen Schuldzuweisungen auf. Man kann nicht für alles einen moralischen Grund finden.
Und dennoch gehört Schuld zu jedem Menschen und darum hat auch jeder Mensch Umkehr nötig.
Umkehr bedeutet für uns: Wir wenden uns Jesus zu.

Das heutige Evangelium nimmt ein ganzes Kapitel in Anspruch. Es erzählt von einem Wunder. Wenn jemand durch Gebet und Berührung einem anderen eine Krankheit wegnehmen kann, so ist das wirklich ein Wunder. Das geschieht ja auch heute noch. Aber wenn jemand neue Hoffnung schöpft, neues Vertrauen und einen starken Glauben bekommt, dann ist das eigentlich noch das grössere Wunder.

Das heutige Evangelium ist wie der Schlüssel zum Verständnis aller Evangelien der Fastensonntage. Immer geht es ums Sehen: Am ersten Fastensonntag hörten wir das Evangelium von den Versuchungen Jesu in der Wüste. Es wird uns erzählt, wie Jesus seine eigene Sendung, sein Auftrag von Gott nun ganz klar sieht.
Am zweiten Fastensonntage hörten wir das Evangelium der Verklärung auf dem Berg Tabor: Es wird erzählt, wie die Jünger nun Jesus und seine Sendung deutlicher sehen. Mose und Elija sind die Zeugen, dass in Jesus der Messias zu seinem Volk kommt. Jesus deutet aber gleichzeitig auf seinen Leidensweg hin, was die Jünger aber nicht hören wollen. Sie sind also noch nicht ganz sehend, sondern auf einem Auge immer noch blind.

Am letzten Sonntag hörten wir das Evangelium vom Jakobsbrunnen. Die Begegnung Jesu mit der Samaritanerin. Es erzählt uns, wie auch die Aussenseiter, die vermeintlich Ungläubigen und Unreinen zum Glauben an Jesus kommen. Glauben heisst sehen!
Am nächsten Sonntag werden wir das Evangelium von der Erweckung des Lazarus hören. Auch das wieder ein Wunder, ein Zeichen, dass die Macht des Glaubens stärker ist als die physikalischen Gesetze, wobei ein Wunder nie eindeutig ist, man kann immer noch zweifeln oder für nicht wahr halten, was eben doch wahr ist. Wunder sind in diesem Sinne Hinweise und nie eigentliche Beweise. Und sehend werden in diesem letzten Evangelium von der Auferweckung des Lazarus nun die Juden, auch sie erkennen in Jesus den Messias.
Somit ist das heutige Evangelium von der Heilung des Blindgeborenen der Schlüssel zum Verständnis. Unglaube ist gleich Blindheit, Glaube ist gleich Klarsicht.
Schon die erste Frage der Schriftgelehrten und Frommen damals weist auf ihre Blindheit hin: Für welche Schuld muss der Blinde mit seiner Behinderung büssen? Eine menschliche Frage. Im Alten Testament gibt es oft einen theologischen Zusammenhang zwischen physischer Krankheit und Behinderung und moralischer Schuld. Wir denken vielleicht, dass dies ein primitives Denken sei und dass wir als aufgeklärte Menschen ein solches Denken überwunden hätten. Aber ich kann Ihnen sagen, dass meine seelsorgerlichen Erfahrungen da eine andere Sprache sprechen. Ich selbst habe mich schon ertappt bei der Frage: „Womit habe ich das verdient!?“.
In den Augen der Schriftgelehrten und Frommen damals ist der Blindgeborene ein Sünder, seine Blindheit ist die Strafe für seine Sünden.

Jesus tritt dieser Meinung energisch entgegen. Er macht den Blinden sehend und entlarvt damit auch die Scheinheiligkeit oder die Blindheit der Schriftgelehrten und Pharisäer.
Nun wird er aber selber zum Sünder gestempelt: Er hat den Blinden nämlich am Sabbat geheilt, er hat auf die Erde gespukt und einen Teig aus Staub und Speichel gemacht, was am Sabbat eindeutig verboten ist. Also hat er gegen Gottes Gesetz gehandelt und ist ein Sünder!
Im Altertum hat man dem Speichel Heilkraft zugesprochen. Wir tun das unbewusst auch heute noch. Wenn sich jemand in den Finger schneidet, fährt er mit der Schnittwunde zuerst zum Mund und leckt das Blut ab, ohne dass er dabei eine Blutvergiftung bekommt.
So wird die Botschaft des Evangeliums beängstigend klar: Jene, die damals meinten, sie hätten den Durchblick, sie seien gerechtfertigt, weil sie mit der Bibel in der Hand die Welt in gerecht und ungerecht einteilen, in Sünder und Heilige, sie selber sind die Blinden, sie selber haben den Glauben an die Verheissung der Bibel aufgegeben, sie selber sind zu Sündern geworden, weil sie die Wahrheit unterdrücken wollen.
Die Wahrheit ist aber, dass in diesem Jesus Gottes Herrlichkeit durchscheint, dass in seinem Handeln Gottes Heil anbricht, dass in seinen Worten Gottes Gesetz zu den Menschen kommt.
Und nun stellt sich die Frage, ob vielleicht auch wir blind sind. Wie sehen wir die Welt, die Mitmenschen, unser eigenes Leben? Was macht uns blind, so dass wir die grösseren Zusammenhänge nicht sehen, dass wir die Sehnsucht des Mitmenschen nach Angenommensein nicht sehen, dass wir die eigene Engherzigkeit und Sturheit gegenüber meinen Nächsten nicht sehen…?
Man könnte auch anders, positiv fragen: Sehe ich trotz Meinungsverschiedenheit das Positive in der Ansicht meines Gegners, sehe ich trotz Streit den Wunsch nach Versöhnung meines Gegenübers, sehe ich trotz Versagens den guten Willen meines Mitarbeiters, sehe ich trotz Stress und Überforderung das Schöne in meinem Leben…?

Jesu Wort und Tat hat vielen damals die Augen geöffnet, so dass sie als befreite Menschen weiterleben konnten. Wie ist die Blindheit gegenüber seiner Botschaft, gegenüber seiner Kirche heute zu verstehen? Wer streut den Menschen Sand in die Augen, so dass sie nicht mehr oder nicht mehr deutlich sehen können? Was für Interessen können dahinter stehen?
Eines ist klar: Die Begegnung mit Jesus macht auch heute noch Menschen sehend, d.h. bringt auch heute noch Menschen zum Glauben. Wenn ich mich auf ihn einlasse, werden um mich herum und in mir Wunder geschehen, Hinweise auf das Wirken des lebendigen Gottes.

Amen.

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