Glaubensimpulse

In der wöchentlichen Rubrik der Zeitschrift Sonntag geben Persönlichkeiten Impulse für ein zeitgemässes Leben, das sich an katholischen Werten orientiert. Wir präsentieren Ihnen eine Auswahl. Alle Glaubenimpulse finden Sie unter www.dersonntag.ch/glaubensimpulse.

Der Sprung ins kalte Wasser

Robert Vorholt, Theologieprofessor Uni Luzern

Sind Sie schon einmal «ins kalte Wasser» gesprungen? Natürlich in einem übertragenen Sinne: Haben Sie sich schon einmal, frei und mutig, in eine neue, ganz andere Lebenssituation begeben, die Ihnen anfangs alles andere als geheuer war? Weil Sie nicht wussten, was auf Sie zukommt? Weil Sie nicht wussten, ob Ihre Kräfte reichen und Sie der Sache gewachsen sind?

Vielleicht denken Sie an Ihren allerersten Arbeitstag – damals, als Sie bei Ihrer Firma oder Ihrer Behörde anfingen und alles ganz neu für Sie war. Oder als Sie zum ersten Mal mit Ihrer späteren Schwiegermutter allein unter vier Augen waren und Sie einen guten Eindruck hinterlassen mussten. Oder denken Sie an die Geburt Ihres Kindes: Sie waren auf einmal Mutter oder Vater, alles war wunderbar – doch was kam da für eine Verantwortung auf Sie zu!

Es ist solch ein Sprung, den Gott dem Abraham abverlangt. Gott sagt: «Geh fort von hier, zieh in ein Land, das ich Dir zeigen werde.» Können Sie sich das vorstellen? Da soll Abraham einfach wegziehen! Fort aus der Gegend, die doch seine Heimat war, wo ihm jeder Baum und jeder Weg vertraut waren. Wo er Familie und Freunde hatte, wo er aufgewachsen und wirklich zu Hause war.

Das ist schon ein echter Bruch. Der Sprung ins kalte Wasser. Die einzige Sicherheit: Gott will bei ihm sein. «Ich werde Dich segnen», heisst es. Das ist alles. Keine Prospekte, keine Prognosen, keine Gewissheit und erst recht keine Sicherheit. Und doch: Abraham geht. Er macht sich auf den Weg. Was hat Abraham bewogen? Wieso springt er ins kalte Wasser? Warum macht er sich auf den Weg, anstatt zu Hause zu bleiben, wo doch alles warm und wohlig ist? Die Bibel redet nicht lange um den heissen Brei herum. Sie antwortet: Abraham glaubte Gott (vgl. Gen 15,6). Er vertraute Gott. Mehr noch: Er gehorchte Gott. Der neutestamentliche Hebräerbrief sagt es später so: «Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen (…), und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde» (vgl. Hebr. 11,8). Er sah Gott nicht, und dennoch glaubte er.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie das hören − mich jedenfalls fasziniert diese Vertrauensgeschichte. Sie spricht von einer Glaubenstreue, die schlichtweg imponiert; von einer Zuversicht, die allein auf die Verlässlichkeit und Verheissungstreue Gottes baut. Und von einem Gott, auf den Menschen sich verlassen dürfen, weil Er so etwas ist wie der Fels in der Brandung. Damit lässt es sich leben – ganz gewiss im Zugehen auf Ostern, so oder so.

Verloren – und dadurch gewonnen

Sr. Simone Hofer, Priorin des Kloster St. Katharina in Wil

Ja, was kann nicht alles verloren gehen! Der Schlüsselbund, der Ehering, das Gepäck, das Handy, die Jacke, der Regenschirm, das eben gelöste Billett, der Notizzettel und noch vieles mehr. Auch das, was ich nicht mit den Händen greifen kann, kann ich verlieren: die Hoffnung, das Vertrauen, den Glauben, Illusionen, die Geduld, die Gesundheit, ja sogar den Verstand – diesen aber meistens nur fast. Ein besonders schlimmer Verlust ist jener von Menschen, die wir durch Trennung, Streit oder durch den Tod verlieren können. Besonders häufig melden sich Verluste im Alter. Da verliert man einerseits natürlich die Jugendlichkeit und die Spannkraft, es kann aber auch die Hörfähigkeit, das Sehvermögen, die Gehfähigkeit, die Arbeitskraft sein.

So viel Verlieren, so viele Verluste, die jeden von uns mehr oder weniger treffen können. Wo lässt sich bei so viel Einbussen, Dahinschwinden und Verlieren Trost finden? Meister Eckhart, der grosse Dominikanermönch aus dem 13. Jahrhundert, hat darüber geschrieben. Er meint Folgendes:

«Nun setze ich den Fall, ein Mensch habe hundert Mark; davon verliert er vierzig und behält sechzig. Will der Mensch nun immerfort an die vierzig denken, die er verloren hat, so bleibt er ungetröstet und bekümmert. Wie könnte auch der getröstet sein und ohne Leid, der sich dem Schaden zukehrt und dem Leid und das in sich und sich in es einprägt und es anblickt, und es schaut wiederum ihn an, und er plaudert mit ihm und spricht mit dem Schaden, und der Schaden hinwiederum plaudert mit ihm, und beide schauen sich an von Angesicht zu Angesicht? Wäre es aber so, dass er sich den sechzig Mark zukehrte, die er noch hat, und den vierzig, die er verloren hat, den Rücken kehrte und sich in die sechzig versenkte und die von Antlitz zu Antlitz anschaute und mit ihnen plauderte, so würde er sicherlich getröstet.»

Die Gefahr, sich auf das Verlorene zu fixieren, ist sehr gross, denn dieses, obwohl nicht mehr vorhanden, drängt sich immer wieder in den Vordergrund des Denkens und Fühlens. Ebenso tröstlich wie heilsam kann es deswegen sein, hin und wieder abends bewusst auf das zu blicken, was ich nicht verloren habe, auf das, was da ist, mir geschenkt und gegeben.

Und der ganz grosse Trost, der entspringt dem Vertrauen, dass ich das in mir wohnende ewige Leben, auf keinen Fall verlieren kann. Denn dieses ist unverlierbar von Gottes Hand getragen und darin geborgen.

Kollekte

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