Die Passionsgeschichte

Die Passionsgeschichte zum Hören

Nach dem Matthäus-Evangelium. Sprecher: Fabian Egger

Die Passionsgeschichte zum Lesen

Eine etwas andere Passionsgeschichte. Geschrieben von Pater Adrian Willi

Malchus, ein Knecht des Hohenpriesters

Mein Name ist Malchus. Ich bin ein unbedeutender Diener am Hofe des Hohenpriesters Kajaphas. Jesus kannte ich bis zu jenem Abend, als ihn die Kohorten in Gethsemane festnahmen, nicht persönlich. Gehört hatte ich allerdings schon viel von ihm: Die einen sprachen nur mit großer Ehrfurcht von ihm, er sei ein Prophet, ja sogar der erwartete Messias, die anderen, mein Herr, zum Beispiel, und Seinesgleichen, glaubten, er sei ein Hochstapler, ein Aufrührer, ja sogar ein Gotteslästerer. Unzählige Male stellte er die Pharisäer und auch den Hohepriester bloß, kritisierte ihre Religiosität als scheinheilig und hohl.

Dieses Jahr lag eine besondere Spannung über Jerusalem. Der Widerstand gegen die römische Besatzung wuchs. Überall im Land hörte man von Zwischenfällen, von Auseinandersetzungen zwischen römischen Truppen und jüdischen Widerstandskämpfern. Das Volk hatte Angst, dass die Geduld der Römer bald vorüber sei. Der Hohepriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten waren besonders nervös. Es sei besser, einen Aufrührer sterben zu lassen, statt das ganze Volk zu gefährden, hat Kajaphas gesagt.

Tatsächlich war dann ein rechter Tumult, als dieser Jesus in die Stadt kam. Wie ein Feldherr wurde er empfangen, Hosianna-Rufe ertönten, Siegespalmen wurden geschwenkt. Das hat die Angst und den Zorn unserer Obrigkeit nur geschürt und sie wollten dem Schauspiel ein Ende bereiten, konnten aber nicht, da das Volk von Jesus begeistert war. So mussten sie auf einen anderen Zeitpunkt warten, um ihn zu verhaften.

Als es soweit war, bin ich abends mit den anderen ausgezogen, mit Knüppeln und Schwertern bewaffnet, um diesen Jesus gefangen zu nehmen. Angeführt wurden wir von Judas Iskariot, einem enttäuschten Jünger Jesu. Er wusste, wo sich sein Meister zu dieser Stunde aufhielt. Er verabredete mit uns ein Zeichen: „Der, den ich küssen werde, der ist’s, nehmt ihn fest!“ Als wir uns auf ihn stürzen wollten, sprang einer seiner Jünger dazwischen, schlug mit seinem Schwert drein und hieb mir, weil ich zuvorderst stand, ein Ohr ab. Da sagte Jesus zu ihm: „Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ Und er berührte mein Ohr und heilte mich. Das hat mich sehr betroffen gemacht: Nicht nur, dass er mich heilte und mir die Schmerzen nahm, auch dass er sich nicht wehrte, als sie ihn festnahmen, dass er sich ganz gegen die Gewalt gewandt hat. Ich habe bei mir gedacht: „So einer kann kein Revolutionär im üblichen Sinne sein, mit denen sind die Römer jeweils schnell fertig!“ Nein, es ging eine andere Macht von ihm aus. Diese Begegnung lässt mich nicht mehr los, immer muss ich an ihn denken. Er hat irgendwie mein Leben verändert.

 

Türhüterin im Palast des Hohepriesters

Ich bin Ester, eine Magd am Hofe des Hohepriesters. In jener Nacht musste ich die Tür hüten. Das war ein Betrieb, ein Kommen und Gehen, so etwas habe ich noch nie erlebt. Alle waren angespannt und nervös. Wir wussten nicht, was geschieht. Sie verhörten diesen Galiläer fast die ganze Nacht hindurch. Immer wieder wurden Boten ausgesandt, um Zeugen zu bestellen. Allerlei Volk versammelte sich im Hof des Palastes und wartete. Da es kalt war, machten sie ein Feuer. Plötzlich erkannte ich ein Gesicht im Feuerschein: Ein Jünger des Rabbi, Simon Petrus genannt. Ich sprach ihn an, aber er behauptete, keinen Simon Petrus zu kennen. Nach meinem dritten Anlauf, ihn als Jünger Jesu anzusprechen, geriet er ganz außer sich, fluchte und schwor, es nicht zu sein. Da krähte ein Hahn und mir schien, er zucke zusammen. Auf alle Fälle verschwand er plötzlich.

Drinnen, im Palast ging das Verhör weiter. Wir bekamen nicht viel zu hören und zu sehen. Nur wenn sich die Tür öffnete, sah man, dass die Knechte Jesus anspuckten und manchmal auch schlugen. Er stand gefesselt da und blieb still, fast würdig, wie ein König. Gegen Morgen hieß es, er sei als Gotteslästerer überführt, da er behauptete, Christus, der Messias zu sein. Darauf steht die Todesstrafe. Weil aber unser König und unsere Obrigkeit seit der römischen Besatzung keine Todesstrafe aussprechen und ausführen durften, brachten sie Jesus zu Pilatus und machten Druck, so dass dieser ihn zuerst geißeln ließ und ihn schließlich zur Hinrichtung freigab. Er dachte noch, das Blatt vielleicht wenden zu können, wenn er das Volk vor die Alternative stelle, entweder den Terroristen und Mörder Barabbas zu schonen oder eben Jesus, an dem er keine Schuld feststellen konnte. Aber die Spitzel des Hohepriesters schrien: „Ans Kreuz mit Jesus!“ Sie schrien lauter, als die anderen und Pilatus ließ sich beeindrucken.

Es war ihm offensichtlich nicht wohl bei der Sache. Er merkte am Dialekt des Nazoräers, dass er aus Galiläa kam. Und da Herodes, der Tetrarch von Galiläa, über die Festtage des Pascha gerade in seinem Palast in Jerusalem residierte, schickte er Jesus vorher noch zu diesem. Er soll eine heimliche Angst vor dem Galiläer gehabt haben. Er glaubte, Jesus sei der auferstandene Johannes, den er vor ein paar Jahren umbringen ließ. Weil ihm zu Ohren kam, dass Jesus schon Wunder gewirkt hatte, wollte er auch eines sehen. Doch Jesus schwieg. Und sie trieben grausamen Spott mit ihm, legten ihm ein Prunkgewand um, um ihn zu verspotten, und schickten ihn wieder zu Pilatus.

Dieser sah nun keine Möglichkeit mehr, ihn freizulassen. Er musste dem Druck nachgeben. Man sagt, Pilatus habe gegen seine Überzeugung gehandelt, aus Feigheit und Angst, einerseits vor dem jüdischen Volk, andrerseits vor dem römischen Kaiser. Man drohte ihm nämlich, ihn in Rom zu denunzieren, wenn er Jesus freiliesse.

Die Folterer und Henker trieben auch ihren Spott mit ihm. Sie krönten ihn mit Dornen, rissen ihm die Kleider vom Leib, würfelten über seinem Gewand und nahmen alles in ihren Besitz. Dann musste er den Kreuzesbalken zur Hinrichtungsstätte nach Golgota tragen. Er war durch die Folter schon so geschwächt, dass er mehrere Male zusammenbrach. Zuletzt hielten sie einen Vorübergehenden an und zwangen ihn, ihm das Kreuz zu tragen.

 

Longinus, ein römischer Soldat

Ich heiße Longinus und bin als römischer Soldat seit über fünf Jahren in diesem Land Palästina. Unter den Legionären heißt es, es sei wie eine Strafe, hier dienen zu müssen. Tatsächlich sind die politischen Verhältnisse nirgends so kompliziert wie hier. Die Juden hassen uns, obwohl sie selbst es waren, die uns vor fünfzig Jahren hierher gerufen hatten, damit wir sie vor der griechischen Herrschaft beschützen sollten.

Wir Römer sind ja sehr tolerant, was die Religion betrifft. Aber die Juden sind uns gegenüber ganz verschlossen. Ihre Religion verbietet Ihnen, mit uns Kontakt zu haben, sonst würden sie „unrein“, wie sie es nennen. Sie sagen, es gäbe nur einen Gott, ihr Gott sei der einzige und wahre Gott, der ihnen zehn Gebote gegeben haben soll, an die sie sich rigoros halten. Von ihrem Gott gibt es kein Bild, keine Statue, rein gar nichts; das verbietet ihnen ebenfalls das Gesetz. Zudem glauben sie, dass Gott ihnen den Messias schickt, den Erlöser und Befreier. Sie sind überzeugt, dass Gott sie so von uns Römern befreien wird. Die ganz fanatischen unter ihnen verstecken sich in der Wüste und kämpfen aus dem Hinterhalt gegen uns, weil wir in ihren Augen Heiden und Gotteslästerer sind.

Gerade die Ereignisse um diesen Jesus zeigen einmal mehr, wie undurchschaubar die Juden sind. Vor ein paar Tagen haben so viele Jesus begeistert empfangen, als er nach Jerusalem kam. Sie nannten ihn „Sohn Davids“ und „König“, sie glaubten, der Messias nehme Besitz von seiner Stadt Jerusalem. Doch schnell hat sich die Begeisterung in Enttäuschung, ja sogar Hass verwandelt. Anscheinend hat dieser Jesus ihre Erwartungen nicht erfüllt.

Zum ersten Mal sah ich ihn, als Pilatus den Gegeißelten und mit Dornen Gekrönten dem Volk zeigte: „Seht, welch ein Mensch!“. Er meinte damit: Das ist gar kein Mensch mehr, was wollt ihr noch, er ist doch gebrochen, entlarvt, er ist am Ende, lasst ihn laufen, von solch einem Bündel Elend geht keine Gefahr aus.

Aber ich hatte gar nicht den Eindruck, dass Jesus gebrochen war. Er stand da, ließ alles über sich ergehen, den Spott, die Peitschenhiebe, die Dornenkrönung, den grausamen Weg nach Golgota mit dem Kreuzesbalken, wie wenn es seine Bestimmung wäre. Auf dem Weg des Leidens gab es nicht nur Schaulustige, es gab auch welche, die um ihn weinten und Erbarmen mit ihm hatten. Seinen Peinigern vergab er, weil sie nicht wüssten, was sie tun. Und jenen, die mit ihm Erbarmen hatten, sagte er: „Weint nicht über mich, weint vielmehr über euch und eure Kinder“.

Als wir ihn ans Kreuz schlugen, ließ er alles mit sich geschehen, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Mit ihm zusammen wurden noch zur selben Stunde zwei Räuber gekreuzigt. Durch die Tortur war Jesus so geschwächt, dass er nicht mehr lange lebte. Manchmal hängen die Gekreuzigten noch zwei Tage und länger am Kreuz und sterben einen grausamen Tod. Jesus lebte nur noch drei Stunden. Seine Mutter, eine Jüngerin und ein Jünger standen beim Kreuz und wichen nicht von ihm, obwohl ich sie mehrere Male anfuhr und wegschickte. Einmal noch sagte er: „Mich dürstet.“ Ich steckte einen mit Essig gefüllten Schwamm auf einen Ysopstengel und hielt ihn ihm an den Mund. Das lindert jeweils die ärgsten Schmerzen. Er nahm nur wenig und sprach dann: „Es ist vollbracht!“.

Er neigte sein Haupt und starb.

Noch nie hatte ich einen Menschen so sterben sehen. Ich war verwirrt. Die letzten drei Stunden, die Jesus am Kreuze lebte, waren von einer Sonnenfinsternis begleitet. Und als er starb, da bebte plötzlich die Erde und im Tempel, so wurde berichtet, sei der Vorhang, der das Allerheiligste verbarg, von oben bis unten zerrissen. Es kam mir vor, als ob der Himmel sein Urteil gesprochen hätte und ich bekam es zuerst mit der Angst zu tun: War das das Ende?

Ein gewisser Joseph von Arimatäa ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Der Statthalter war sehr verwundert, dass Jesus schon tot sein sollte. Darum ließ er mich rufen, um sich zu vergewissern. Da auch die Juden nicht wollten, dass die Leiber über das Pascha-Fest am Kreuze hängen blieben, befahl er mir, den Verurteilten die Gebeine zu zerschlagen und den Leichnam Jesu Joseph von Arimatäa zu übergeben. Da Jesus aber schon tot war, stieß ich ihm nur noch die Lanze in die Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Ich wurde immer nachdenklicher und allmählich wuchs in mir die Überzeugung: Dieser war Gottes Sohn!

 

Joseph von Arimatäa, ein heimlicher Jünger Jesu

Ich bin ein bekannter und angesehener Jude aus Arimatäa. Mein Name ist Joseph. Ich war beim Prozess Jesu dabei. Meine engsten Freunde sind Pharisäer, wie zum Beispiel Nikodemus, der Jesus einmal nachts besuchte, um von niemandem gesehen zu werden. Wir nehmen die Verheißungen unserer Propheten ernst und viele von uns warten mit Sehnsucht auf den Messias. Das hat uns auch zu Jesus hingezogen. Er hatte Worte und Taten, die uns irgendwie überzeugten und wir erkannten langsam, dass durch diesen Menschen Gott zu uns sprach.

Ich versuchte den Hohen Rat umzustimmen, aber Kajaphas und seine Partei waren stärker und ich konnte das Unglück nicht abwenden. Jesu Leiden und Sterben haben aber meinen Glauben an ihn nur verstärkt. Wenn er schon wie ein Verbrecher hat sterben müssen, so soll er wenigstens wie ein Held beigesetzt werden. So entschloss ich mich kurzerhand, ihn in unsere Familiengruft zu legen und ihm die Ehrung der Toten zu erweisen. Pilatus war einverstanden, dass wir den Leichnam Jesu vom Kreuze nähmen und beisetzten.

Als wir zum Kreuz kamen, war immer noch Maria, die Mutter des Herrn, Maria von Magdala und Johannes, sein Lieblingsjünger da. Wir lösten den Toten vom Kreuz und legten ihn in den Schoss seiner Mutter. Der Anblick brach mir das Herz. Johannes stand Maria bei und nahm sie von nun an zu sich. Nikodemus kam und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe. Ich brachte das Leinen und wir salbten den Leichnam, betteten ihn in das Leinen und legten ihn in die Gruft. Zuletzt halfen uns die römischen Soldaten, mit einem schweren Stein das Grab zu schließen. Sie hatten den Befehl, das Grab zu bewachen. Man wollte unbedingt verhindern, dass der Leichnam abhandenkäme. Jesus selbst sprach von der Auferstehung am dritten Tag. Sie fürchteten sich vor dem Toten fast noch mehr, als bisher vor dem Lebenden. Wir sind dann alle gegangen, verzweifelt und traurig. Unsere Hoffnung war zerstört und unsere Sehnsucht nach dem Messias nur noch größer geworden. Wir spürten alle zuinnerst: Nur Gott kann uns noch retten!

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